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Bilingualismus
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Mit Bilingualismus oder Zweisprachigkeit wird die FÀhigkeit bezeichnet, zwei Sprachen zu sprechen oder zu verstehen. Die Bezeichnung kann sich sowohl auf einzelne Menschen (individueller Bilingualismus) als auch auf ganze Gesellschaften beziehen (gesellschaftlicher Bilingualismus). Bilingualismus kann ebenso die entsprechende Forschungsrichtung bezeichnen, die das PhÀnomen selbst untersucht. Zweisprachigkeit ist eine Form der Mehrsprachigkeit.
Contents
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Begriffsbestimmung
Individuum und Gesellschaft
Die Zweisprachigkeit wird in individuelle oder gesellschaftliche Zweisprachigkeit eingeteilt und ist auch Gegenstand sprachpsychologischer oder sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. Eine eindeutige Trennung der verschiedenen Einteilungen ist unscharf, da sich die verschiedenen Bereiche teilweise ĂŒberschneiden. Im Mittelpunkt der Betrachtungen kann also beispielsweise ein einzelner Sprecher stehen. Untersucht wird unter anderem, wie Sprecher mit mehreren Sprachen umgehen, also zum Beispiel, wie zwischen verschiedenen Sprachen im Gehirn gewechselt wird.
Der Wechsel der verschiedenen Sprachen innerhalb einer vertrauten Umgebung eines Menschen als Teil einer Gruppe oder Gesellschaft wird ebenfalls untersucht. Dazu gehören Betrachtungen der Mehrsprachigkeit und mehrsprachiger Sprecher in KlassenverbÀnden, in Jugendgruppen oder innerhalb der Familie.
Neben SprachkontaktphÀnomenen wie Kreolsprachen und Pidgin-Sprachen spielen auch sprachen- und bildungspolitische Belange (z. B.: Sprachen von Minderheiten) als Forschungsgegenstand eine wichtige Rolle.
Individueller Bilingualismus
Der Begriff Zweisprachigkeit wird fĂŒr Personen verwendet, die Kompetenzen in zwei Sprachen auf einem bestimmten Niveau aufweisen. Diese Sprecher verfĂŒgen demnach ĂŒber aktive oder passive Kenntnisse im Bereich der Grammatik und Kommunikation zweier Sprachen. Bilinguale Menschen gibt es in allen Gesellschaftsschichten und haben meist schon wĂ€hrend ihrer Kindheit beide Sprachen erworben bzw. gelernt. Fremdsprachen können jedoch auch im Erwachsenenalter erlernt werden.
Die Muttersprache (L1) wird ohne Unterricht erworben. Der nordamerikanische Sprachforscher Noam Chomsky vermutet, dass es ein Instrument gibt, welches es Kindern erlaubt, die GesetzmĂ€Ăigkeiten der Sprachen zu erlernen, die im Umfeld des Kindes benutzt werden. Dieses Instrument wird als Language Acquisition Device (LAD) bezeichnet. Laut Chomsky lĂ€sst die Wirksamkeit dieser FĂ€higkeit mit der Zeit nach (was erklĂ€re, weshalb Ă€ltere Kinder und Erwachsene Sprachen mit geringerem Erfolg [oder erst mit wesentlich höherem Aufwand] lernen als Kinder). Es gibt weitere mehr oder weniger Ă€hnliche AnsĂ€tze, die versuchen, den natĂŒrlichen Spracherwerbs und die Bedeutung des Alters zu erklĂ€ren (Bickertons Bioprogramm, Konnektionismus usw.). Die Beobachtungen, dass die FĂ€higkeit, Sprachen zu erlernen, mit dem Alter abnimmt, können als unwillkĂŒrlich nachvollziehbar gelten.
Jedoch konnten verschiedene Untersuchungen keinen Nachweis eines natĂŒrlichen âStoppsâ oder Mechanismus erbringen, der zu einer Verzögerung oder gar einem Verschwinden der SpracherwerbsfĂ€higkeiten fĂŒhren soll. Menschen, die auch im spĂ€teren Alter nahezu muttersprachliche Kompetenz erwerben konnten (siehe Romaine), sprechen zusĂ€tzlich gegen die genetische Anlage eines solchen âStoppsâ.
Die Beobachtungen stĂŒtzen sich oft auf die Wahrnehmung von Aussprache bzw. von bestimmten Fehlern â die sich bei Erwachsenen hartnĂ€ckiger als bei Kindern zu halten scheinen. Zum Beispiel verwendet eine erwachsene Englischlernerin regelmĂ€Ăig die Zahl one als Artikel: âI see one carâ anstatt âI see a carâ (Ich sehe ein Auto / einen Wagen) und spricht das ârâ in car deutlich hörbar, gerollt aus (wobei bestimmte âEnglishesâ auch das ârâ rollen). Ob diese âUnflexibilitĂ€tâ mit dem Sprachenlernen an sich oder eher mit anderen Faktoren zu tun haben, ist eine wichtige, zu klĂ€rende Frage. Ferner hĂ€ngt der Spracherwerb/das Sprachenlernen bei Kindern und Erwachsenen mit unterschiedlichen Bedingungen zusammen. Kinder lernen mehrere Sprachen oft in einer Umgebung, in der sie jene stĂ€ndig hören und benutzen können. Bei Erwachsenen ist die Vielfalt von Sprachkontakten in einer Zielsprache oft eingeschrĂ€nkter. Zudem entwickeln sich die kognitiven FĂ€higkeiten und die Persönlichkeit bei Kindern parallel. WĂ€hrend es fĂŒr ein Kind alltĂ€glich und normal zu sein scheint, stĂ€ndig Fehler zu machen, können Erwachsene hierbei in ihrem SelbstverstĂ€ndnis als etablierte Persönlichkeit empfindlich erschĂŒttert werden. Dies sind nur wenige UmstĂ€nde, die den qualitativen und quantitativen Erwerbserfolg beeinflussen könnten.
Es soll hier vor allem darauf aufmerksam gemacht werden, dass eine Trennung von GrĂŒnden, die das unterschiedliche Sprachaneignungsverhalten von Kindern im Unterschied zu Erwachsenen betreffen, sehr schwer ist und auch mit einer Ăberbewertung von âFehlernâ zu tun haben könnte.
Ăbersetzung und Code-Switching
Zweisprachigkeit bedeutet nicht notwendigerweise, dass man auch dazu fĂ€hig ist, von einer dieser Sprachen in die andere zu ĂŒbersetzen oder zu dolmetschen. Es kann zwischen beruflich ausgeĂŒbter und im Alltag verwendeter ĂbersetzungsfĂ€higkeit unterschieden werden. Diese Unterscheidung wird vor allem seitens der BerufsĂŒbersetzer betont.
Zweisprachige Menschen (auch professionelle Ăbersetzer) zeigen gelegentlich ein Verhalten, bei dem sie ihre Sprachen auf unterschiedliche Weise mischen (siehe hierzu Code-Switching). Die meisten Sprecher scheinen ihre Sprachen sowohl mischen als auch trennen zu können. Oft findet beides in der gleichen Situation statt. Nur in Ausnahmen, beispielsweise bei sogenannten Aphasien und anderen Erkrankungen, kann ein solches Sprachmischen als problematisch oder gar krankhaft bezeichnet werden.
In den meisten FĂ€llen gehört das Sprachmischen zu einem normalen Verhalten von Mehrsprachigen, die es entweder willentlich abstellen können oder sich unbewusst der Situation anpassen (beispielsweise wenn ein einsprachiger GesprĂ€chspartner hinzukommt). WĂ€hrend der AusĂŒbung ihrer TĂ€tigkeit mĂŒssen Dolmetscher zusĂ€tzlich zu dem unbewussten Verhalten darauf achten, die Sprachen genau zu trennen und diesen Vorgang zu steuern.
Gesellschaftlicher Bilingualismus
Eine Gesellschaft wird als bilingual bezeichnet, wenn es zwei Amtssprachen, als mehrsprachig wenn es zwei oder mehr Amtssprachen gibt (z. B. in der Schweiz). Diese Amtssprachen oder auch Minderheitensprachen und Dialekte werden teilweise in unterschiedlichen UmstÀnden verwendet. Man spricht in diesem Fall von Diglossie.
Im Zusammenhang mit dieser Thematik beschÀftigt man sich auch mit Sprachen, die sich aus Kontakten Anderrssprachiger ergaben, wie Pidgin und Kreolsprachen. Vorstellungen, was als Sprache bzw. Dialekt bezeichnet werden soll, werden in Gesellschaften mit zahlreichen und einander unÀhnlichen Sprachen auf die Probe gestellt. Beispielsweise werden in Indien ungefÀhr hundert verschiedene Sprachen gesprochen, die zu vier verschiedenen Sprachfamilien gezÀhlt werden.
Wissenschaftlicher Rahmen und Faktoren
Festzulegen, wann Zweisprachigkeit gegeben ist, ist nicht eindeutig möglich. Zudem besteht keine Form des Bilingualismus oder Mehrsprachigkeit, bei der alle Sprachen auf dem gleichen Niveau beherrscht werden.cite-ref-3[3]
Zur Feststellung des individuellen und gesellschaftlichen Bilingualismus werden verschiedene Faktoren herangezogen:
âą Niveau und DominanzverhĂ€ltnis der beiden Sprachen: Kommunikative und Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen. â Welche Sprache ist dominanter und stĂ€rker ausgeprĂ€gt?
⹠Zeit: Alter bei Erstkontakt mit den Sprachen, ErwerbsabstÀnde zwischen den Sprachen und die Dauer des Erwerbs sowie des jeweiligen Sprachkontakts.
âą Gesellschaft: Die Ein- oder Mehrsprachigkeit des Umfelds und bestimmter Lebensbereiche.
⹠Status: Status der Sprache im sozialen Umfeld und DominanzverhÀltnisse der Sprachen in diesem Zusammenhang.
âą IdentitĂ€t: Kulturelle IdentitĂ€t und das ZugehörigkeitsgefĂŒhl des Sprechers.
In jĂŒngster Zeit beschĂ€ftigt sich Bilingualismus auch im Zusammenhang mit der mentalen und neurophysiologischen Organisation der Sprachen.
ForschungsansÀtze zur Zweisprachigkeit
Verschiedene Disziplinen mit jeweils unterschiedlichen Untersuchungsmethoden beschÀftigen sich mit Bilingualismus.
Linguistik (allgemeine Sprachwissenschaft)
Die Linguistik konzentriert sich vorwiegend auf monolinguale Sprecher. Die Forschung in dieser Disziplin erfolgt vorwiegend im Bereich des Spracherwerbs. Die Erkenntnisse in interdisziplinÀren Feldern wie der Neurolinguistik tragen dazu bei, Forschungsmethoden zu entwickeln. Dadurch konnten AnsÀtze, die Sprache als System betrachten, erfolgreich in interdisziplinÀre Forschungsvorhaben integriert werden.cite-ref-4[4]
Psychologie
Im Bereich der Psychologie beschÀftigt sich vor allem die Entwicklungspsychologie und die Kognitionsforschung mit Sprache. Bedeutende Fortschritte konnten im Bereich der GedÀchtnisforschung und der Wahrnehmungsforschung erzielt werden. Allerdings werden die psychologischen Forschungsmethoden in Schnittstellen-Disziplinen bevorzugt, allen voran der Psycholinguistik, aber auch innerhalb der Fremdsprachendidaktik.
Fremdsprachendidaktik
Die Fremdsprachendidaktik ist ein angewandter sprachwissenschaftlich-didaktischer Forschungsbereich, der sich vor allem mit dem Fremdsprachenunterricht beschĂ€ftigt und damit nicht unbedingt mit dem ânatĂŒrlichen Erwerbâ der Muttersprache und der Förderung mehrerer Sprachen gleichzeitig. Man beschĂ€ftigt sich vorwiegend mit dem âgesteuertenâ Fremdsprachenerwerb. FĂŒr die Gestaltung des Unterrichts und zum Testen ist eine Unterteilung in verschiedene Teilkompetenzen ĂŒblich (so z. B.: Hören und Lesen). Die Bedeutung der sog. literacy (LesefĂ€higkeit) wird auch von anderen Forschungsbereichen zunehmend fĂŒr den erfolgreichen Spracherwerb anerkannt. Vor diesem Hintergrund ist das Vorhaben, âindividuelle Mehrsprachigkeitâ mithilfe gezielten (und damit auch gesteuerten) âFremdsprachunterrichtsâ zu fördern (Sarter, p. c. (Potsdam, Lehrstuhl fĂŒr Fremdsprachendidaktik, 2006)), sicherlich gerechtfertigt. Hier werden Unterrichtsmethoden vorwiegend unmittelbar in der Praxis getestet. Eine zunehmend interdisziplinĂ€re Ausrichtung entsteht.
Neurolinguistik und Psycholinguistik
Eine klare Grenze zwischen Neuro- und Psycholinguistik ist schwer zu ziehen. Die Geschichte beider Forschungsfelder ist unterschiedlich, wobei sie sich vermutlich deshalb sehr gut ergĂ€nzen können. Bei beiden steht der mehrsprachige Mensch im Vordergrund und das, was beim Sprechen und Verstehen mehrerer Sprachen im Gehirn geschieht. Auch langfristige Auswirkungen von Mehrsprachigkeit werden in Modellen simuliert und durch bildgebende Verfahren erforscht. Klassische (klinische) Forschung beschĂ€ftigte sich vorwiegend mit pathologischen FĂ€llen, wie z. B.: Sprech- und Sprachstörungen nach HirnschĂ€den (siehe z. B.: Aphasie) oder bei genetischen Defekten. Es wurden auch sehr interessante FĂ€lle beschrieben, bei denen mehrsprachige Patienten ihre Sprachen âverlorenâ (siehe Paradis, Fabbro, Green (div.) usw.) und wiedererlangten. Forschungsergebnisse trugen sowohl zur Festigung von Beobachtungen und Theorien als auch neuen Kontroversen im Bereich der Verortung und Organisation von Sprachen im Gehirn (siehe auch Sprachsystem) bei.
Spracherwerbsforschung
Bei der Spracherwerbsforschung liegt die Betonung oft auf den Dichotomien angeboren vs. nicht-angeboren und erlernt vs. erworben. Vor allem monolingualer, aber auch bilingualer Spracherwerb wird anhand von langfristigen Untersuchungen und/oder ausgefeilter experimenteller Methodik erforscht. Ziel ist die ErklÀrung von Erwerbsphasen und des Erwerbs der Grammatik.
Soziolinguistik
Im Bereich der Soziolinguistik liegt die Betonung oft auf Auswirkungen, die sich auf der Ebene von Gruppen/Gesellschaften und deren Mehrsprachigkeit zeigen. Der Einzelne wird vor dem Hintergrund sozialer ZusammenhĂ€nge und Wirkungsweisen betrachtet. Im Zusammenhang mit der Sprachwandel- und der Sprachkontaktforschung konnten hier bedeutende Ergebnisse erreicht werden. Forschung in diesen Bereichen greift auf lange und etablierte Traditionen zurĂŒck (vgl. Romaine, 2004, de Bot (div.), Seliger, 1991). Die Erforschung bedrohter Sprachen (und damit oft ihre Sicherung), die Untersuchung von Sprachstufen wie Kreol- und Pidginsprachen (siehe auch New Englishes) erfolgt meist im Rahmen der Soziolinguistik. Anteilig werden hier auch GebĂ€rdensprachen erforscht. Der Ăbersetzungsbegriff wird auch im Zusammenhang mit dem GebĂ€rdensprachdolmetschen diskutiert und stellt eine Herausforderung an gĂ€ngige Sprach- und Fremdsprachentheorien dar. Ein Randbegriff der Soziolinguistik â mit zunehmender Bedeutung fĂŒr die Bilingualismusforschung allgemein â ist Language Attrition (als Entsprechung gibt es keinen gut abgegrenzten Begriff im Deutschen, am ehesten passt âSprachabbauâ [vgl. Sprachverfall, Sprachverlust]), was bisher nur beobachtet und beschrieben wurde, aber nicht nachgewiesen werden konnte. Hier werden eine oder mehrere Sprachen nichtpathologisch âvergessenâ (siehe hierzu die interdisziplinĂ€ren Untersuchungen von Köpke, Schmid (div.)).
Philologische Forschung
Sprachspezifische und sprachkulturelle Forschung beschĂ€ftigt sich mit Bilingualismus hĂ€ufig im Zusammenhang mit der Sprachmittlung (Ăbersetzung, dolmetschen), mit der Fremdsprachenvermittlung (z. B.: Fremdspracherwerb) mit Forschung auf der gesellschaftlichen/gesellschaftspolitischen Ebene (z. B.: Sprachkontakt, Sprachnormung usw.) u. v. m. Vergleiche verschiedensprachiger Texte (auch gesprochener) und Wendungen in vergleichbaren Situationen helfen dabei wesentliche typologische, semantische und kulturelle Unterschiede auszumachen. Man beschĂ€ftigt sich auch mit der Rolle einzelner Sprecher bei mehrsprachigen GesprĂ€chssituationen.
Unterscheidungsfaktoren
Motivation
BezĂŒglich psychologischer BeweggrĂŒnde haben einige Wissenschaftler wie Lambert, Gardner und spĂ€ter auch ZoltĂĄn Dörnyei die Dichotomie instrumental und integrativ vorgeschlagen, um zwischen den Formen des Zweitsprachenerwerbs zu unterscheiden. Dazugehörige Theorien waren nicht sehr einflussreich. VollstĂ€ndigkeitshalber folgen Versuche, die Begriffe genauer zu umreiĂen:
Bei instrumentaler Zweisprachigkeit wĂŒrde die zweite Sprache vorwiegend aus nĂŒtzlichen GrĂŒnden erlernt. Eine Absicht, diese Kenntnisse zu vervollkommnen oder sich in einen weiteren Kulturkreis einzuordnen, muss nicht vorhanden sein.
Bei integrativer Zweisprachigkeit wĂŒrde die Zweitsprache vor dem Hintergrund erworben, ein Mitglied des Zielkulturkreises zu werden. Damit kann auch zusammenhĂ€ngen, diese Zielsprache âperfektâ â vermutlich nach dem Vorbild einsprachiger Angehöriger dieses Kulturkreises â sprechen zu lernen.
Anmerkung: Diese Unterscheidung ist aus vielen GrĂŒnden sehr problematisch, vor allem da der Spracherwerb als eine Erscheinung, die durch viele unterschiedliche Ursachen entsteht, gesehen wird (Romaine, Carreira, Schmid, Köpke). Der Begriff der Motivation ist zudem sehr unscharf, weshalb hier eine groĂe Vorsicht bezĂŒglich Verallgemeinerung und Vorhersagbarkeit geboten ist (siehe auch hierzu Carreira). Zu bilingualen Sprechern werden neben erwachsenen Fremdsprachenlernern auch Kinder gezĂ€hlt, die sicherlich nicht direkt bewusst integrativ oder instrumental motiviert sind. Eine Trennung zwischen individuellen Motivationen und kollektiven EinflĂŒssen ist zudem sehr schwierig. Ein Zweitsprachenerwerb lĂ€sst sich kaum als instrumental bzw. integrativ bestimmen, sondern es geht vielmehr darum, wann, wo und in welcher Art usw. die Zielsprache erworben oder erlernt wurde. Problematisch an dieser Dichotomie ist, dass EinflĂŒsse wie Alter usw. unberĂŒcksichtigt bleiben. Man vergleiche nur ein dreijĂ€hriges Kind eines âgemischtenâ Ehepaares, das die Sprachen beider Eltern erwirbt, mit einem 35-jĂ€hrigen GeschĂ€ftsmann, der Grundlagen des Chinesischen zwecks besserer VerstĂ€ndigung mit chinesischen GeschĂ€ftspartnern erwirbt. Die Begriffe entpuppen sich auch im Bereich der deskriptiven Forschung als unzulĂ€nglich.
Unterscheidung nach dem Beherrschungsgrad
Man könnte meinen, dass schlichte Sprachentests den Beherrschungsgrad gut unterscheiden können mĂŒssten, jedoch handelt es sich hierbei um einen schlecht zu messender Umstand. Die monolinguale Perspektive vermittelt oft das Bild, dass eine Sprache untrennbar aus dem Sprachverstehen, Hören, visuell beim Lesen, sowie aus der mĂŒndlichen und schriftlichen Sprachproduktion besteht. Ferner wird nur das als Sprache angesehen â vom monolingualen Standpunkt aus betrachtet â, was in allen denkbaren Lebensbereichen benutzt wird. Vereinfachungen mithilfe der Dichotomie rezeptiv vs. produktiv haben sich als unzulĂ€nglich erwiesen, da auch bei der vermeintlich passiven Sprachverarbeitung, so etwa beim Lesevorgang, produktive (aktive) Prozesse stattfinden.
Begriffe, die im Zusammenhang mit dem Beherrschungsgrad genannt werden, sind âsymmetrischâ vs. âasymmetrischâ, âaktivâ vs. âpassivâ, âdominantâ usw. (vgl. Formen des individuellen Bilingualismus).
Es bleibt vorwiegend bei der groben Beobachtung, dass bilinguale Sprecher ihre Sprachen auch abhĂ€ngig von Lebensbereichen unterschiedlich gut beherrschen. Auf der gesellschaftlichen Ebene kann sich dies so Ă€uĂern, dass es z. B.: eine Sprache gibt, die offiziell erlernt werden muss, was jedoch nur rudimentĂ€r und oft nur fĂŒr bestimmte Lebensbereiche stattfindet, und daneben eine Sprache, die flieĂend beherrscht und meist alltĂ€glich in vielen Situationen verwendet wird.
In den letzten Jahren wird zunehmend betont, dass jene mit Fremdsprachenkenntnissen als âbilingualâ bzw. âmultilingualâ bezeichnet werden kann (vgl. Grosjean). Dies ist vor allem aus einer einsprachigen Sicht nicht unumstritten. Es kann je nach Blickwinkel dennoch sehr sinnvoll und nĂŒtzlich sein. Dieser Wandel berĂŒhrt sowohl Ăberzeugungen bezĂŒglich des Sprachbegriffs an sich als auch politische MachtverhĂ€ltnisse, Benachteiligungen usw. Das Ziel, eine Sprache âvollstĂ€ndigâ, sprich fĂŒr jeden Lebensbereich auch auf hohem Niveau beherrschen zu lernen, rĂŒckt damit in den Hintergrund. In Europa beschĂ€ftigt sich der ursprĂŒnglich 1997 verfasste Gemeinsame EuropĂ€ische Referenzrahmen damit.cite-ref-ger-5-0[5]
Isolierter vs. sozialer Bilingualismus
(Vgl. individueller und gesellschaftlicher (bzw. allgemeiner) Bilingualismus) Beim isolierten Bilingualismus beschreibt man isolierte Erscheinungen der Mehrsprachigkeit, z. B.: diejenigen, die andere bzw. mehr Sprachen als ihr Umfeld sprechen. Beim sozialen Bilingualismus wird somit die Ăbereinstimmung in der Mehrsprachigkeit zwischen einem Menschen und den anderen Mitgliedern der Gruppe dargestellt.
Diese Unterscheidung könnte bei der Beschreibung von Minderheitensprachen oder bei der Unterscheidung zwischen Fremdsprachenerwerb (auĂerhalb des Zielsprachenlandes) vs. Zweitsprachenerwerb (im Zielsprachenland) nĂŒtzlich sein. Mithilfe statistischer Betrachtungen und bei einer sorgfĂ€ltigen Auswahl der Bevölkerungsgruppe wird versucht, klar getrennte Ergebnisse zu finden.
Definitionsprobleme und Vermischungen zwischen isoliertem bzw. individuellem bzw. sozialem und gesellschaftlichem Bilingualismus können auftreten (siehe hierzu Diskussionen in Weinreich, Romaine, Bloomfield, Ervin & Osgood usw.). Die Problematik dieser Begriffe kann ganz gut mithilfe des folgenden Beispiels veranschaulicht werden: z. B.: tĂŒrkisch/kurdisch/deutsche bi-/trilinguale Sprecher in Deutschland â handelt es sich hierbei um isolierten oder sozialen Bilingualismus?
Gesellschaftliche Funktionen
Diese Unterscheidung ist vorwiegend fĂŒr die Beschreibungen von Mehrsprachigkeit bei Gesellschaften in Gebrauch. Sprachen können darin bestimmte Funktionen erfĂŒllen, wobei diese mehr oder weniger klar abgrenzbar sein können: z. B.: Sprache A fĂŒr formelle mĂŒndliche GesprĂ€che vs. Sprache B fĂŒr informelle, familiĂ€re Situationen, vs. Sprache C fĂŒr Gebete, vs. Sprache D fĂŒr formelle schriftsprachliche Belange. Derartige gesellschaftssprachliche PhĂ€nomene scheinen mehr oder weniger verpflichtend bzw. frei zu sein. In diesen Zusammenhang gestellt werden gesellschaftliche Formen wie Diglossie (vgl. Sprachregister). Siehe hierzu u. a. Romaine, Weinreich.
Grad der Spezialisierung/Fokalisierung
Wenn Sprecher imstande sind, zwei sprachliche Systeme je nach Situation bei der Verwendung getrennt zu halten, dann kann man auf einen hohen Fokalisierungsgrad der Sprachen schlieĂen. Bei einer geringeren Fokalisierung erwartet man, dass die beiden Sprachen sich nicht so gut trennen lassen, wodurch hĂ€ufige Vermischungen auftreten können (vgl. hierzu die Begriffe Transfer bzw. auch Interferenz). Es sollte beachtet werden, dass eine solche Trennbarkeit der Sprachen je nach Situation bei ein und demselben Individuum unterschiedlich ausfallen kann.
Begriffe wie geordnet bzw. ungeordnet geben einen bestimmten Blickwinkel und Erwartungshaltung bezĂŒglich der Sprachsysteme wieder. Hierzu dĂŒrften sprachkognitive AnsĂ€tze bzw. die Psycholinguistik Hinweise liefern. Untersuchungen zu den neurophysiologischen Korrelaten mehrerer Sprachen zeigen, dass die Trennung auch im Gehirn schwer festzumachen ist. Eine hohe Fokalisierung (siehe hierzu u. a. Fabbro, Paradis) lĂ€sst sich dagegen recht gut beobachten (siehe bildgebendes Verfahren (Medizin), Psycholinguistik, Neurolinguistik).
Status
Insbesondere im Zusammenhang mit Minderheitensprachen und der Bildung neuer Sprachen (siehe Creole, Pidgin) wurden Beobachtungen mithilfe von Dominanz- und Statusbegriffen kategorisiert (siehe z. B.: Standardsprache). Die gesellschaftlichen DominanzverhÀltnisse zwischen Sprachen haben auch oft Einfluss auf den Spracherwerb und die Sprachverwendung. Im Zusammenhang damit steht mitunter auch der Prestigebegriff und die Institutionalisierung von Sprachen in einer Gesellschaft.
Gesetzlicher Status
Sprachenpolitische Einflussfaktoren
Mehrsprachige Gesellschaften können versuchen, SprachenverhÀltnisse innerhalb bestimmter Grenzen zu kontrollieren (siehe auch weiter unten). Je nachdem wird das Ziel verfolgt, entweder beide Sprachen zu integrieren und z. B. auch gesetzlich anzuerkennen oder aber eine der Sprachen zum Vorteil der anderen zu schwÀchen.
Formen des individuellen Bilingualismus
Die Mehrsprachigkeitsforschung liefert verschiedene Theorien zur individuellen Mehrsprachigkeit. Im Zusammenhang mit einigen Theorien stehen auch Versuche, Formen des Bilingualismus zu finden und zu einzuteilen. HĂ€ufig wird der gesellschaftliche Bilingualismus mit der individuellen Zweisprachigkeit verglichen. Die folgenden Einteilungen werden in der Literatur hĂ€ufig gebraucht. Die damit verknĂŒpften PhĂ€nomene sind in der Wirklichkeit so einzigartig und oft durch verschiedene Ursachen bedingt, sodass jedwede Zuordnungen vergleichsweise schwammig ist. Um sich eine Vorstellung ĂŒber die Vielfalt und Ideen zur Mehrsprachigkeit zu machen, sind sie jedoch sinnvoll.
Simultaner FrĂŒh-Bilingualismus
Es werden meist die Art des Spracherwerbs sowie der Zeitpunkt, wann ein Bilingualer mit den Sprachen â vorsichtig ausgedrĂŒckt â âin Kontaktâ kam. Einige Forscher sehen einen Zusammenhang zu der spĂ€teren Sprachkompetenz bzw. dem Niveau der sprachlichen Fertigkeiten.
Von simultaner FrĂŒh-Zweisprachigkeit (bilingualem Erstspracherwerb) spricht man, wenn ein Kind dann, wenn es sprechen lernt, âgleichzeitigâ mit zwei Sprachen in BerĂŒhrung kommt, beispielsweise wenn jeder Elternteil eine andere Sprache mit dem Kind spricht. Aus der gleichzeitigen und frĂŒhen Begegnung mit den beiden Sprachen versucht man Vorhersagen darĂŒber zu treffen, wie sich dies auf den Spracherwerb und die SprachfĂ€higkeiten (sowohl pragmatischer Kompetenz und die kommunikative Fertigkeiten) auswirkt. Es gibt keine Deckungsgleichheit der FĂ€higkeit, Sprache nicht nur grammatisch richtig, sondern auch den jeweiligen kulturellen und Sprechsituationen entsprechend anzuwenden ("pragmatischer Kompetenz").
Es gibt Beobachtungen, dass ein frĂŒher und gleichzeitiger Erwerb von Sprachen zu einer Verzögerung in der Entwicklung der Sprachproduktion fĂŒhrt, die sich dann allerdings auch schnell wieder ausgleicht. Man mutmaĂt, dass Kinder, die beiden Sprachen frĂŒh ausgesetzt waren, sich als Erwachsene oft in beiden Sprachen gleich gut ausdrĂŒcken können.
UmwelteinflĂŒsse
Mehrere weitere UmstĂ€nde scheinen neben dem frĂŒhen Erwerbszeitpunkt und der Gleichzeitigkeit des Erwerbs einen Einfluss zu haben. Es gibt Leistungsunterschiede, die von Ă€uĂeren LebensumstĂ€nden abhĂ€ngig sind. Der persönliche Entwicklungsprozess spielt hierbei eine wichtige Rolle. Dieser ist kaum losgelöst von Ă€uĂeren EinflĂŒssen wie dem der Gesellschaft. Man kann sagen, wenn jemand weiterhin die Gelegenheit hat, beide Sprachen zu benutzen, und wenn er die Sprache auĂerdem in verschiedenen LebensumstĂ€nden anwendet, bleibt die Motivation, beide Sprachen aktiv zu verwenden, meist erhalten und damit auch die Lust, weitere Sprachbereiche zu entdecken. Da die jeweiligen Sprachen selten gleichwertig in jeder Situation und mit allen Sprechern benutzt werden, erschwert dies einen Vergleich der jeweiligen FĂ€higkeiten/Fertigkeiten sowie der jeweiligen Entwicklungsstufen.
Die Bedeutung von Einflussfaktoren ist stark umstritten (vgl. weitere Teile dieses Artikels; siehe Romaine, 1995).
Sprachen im Gehirn
UnabhĂ€ngig davon, wie sich ein frĂŒher gleichzeitiger Spracherwerb mehrerer Sprachen (im Vergleich zum einsprachigen und auch im Vergleich zum aufeinanderfolgenden Erwerb mehrerer Sprachen) auf die allgemeine (Sprach-)Entwicklung und (Sprach-)Fertigkeiten des Kindes auswirkt, ist es auch interessant, wie sich die zugrunde liegenden Strukturen im Gehirn entwickeln. Die Forscher beschĂ€ftigen sich strittig mit der Frage, wie mehrere Sprachen in einem Gehirn verarbeitet werden. Es wird vermutet, dass beim frĂŒhen Erwerb die Sprachen anders verarbeitet werden als beim spĂ€ten Erwerb.
Es wird beispielsweise erforscht, ob Kinder ihre beiden Sprachen in âihrem Kopfâ frĂŒh trennen (separate development theory; vertreten z. B. durch JĂŒrgen Meisel) oder in den ersten Phasen des Spracherwerbs eine Ausdifferenzierung der beiden Sprachsysteme (Lexikon und Grammatik) noch nicht gegeben ist (fusion theory; vgl. z. B. Volterra und Taeschner). Hierzu gibt es verschiedene Ideen und Veröffentlichungen. Der Psycho-/Neurolinguist Paradis (diverse) spricht von der Subsystem-Hypothese, die besagt, dass die Sprachen eines mehrsprachigen Menschen (allgemein) gemeinsam in einem allgemeinen sprachlich-kognitiven System eingebettet sind. Sie bilden darin zwei Untersysteme, die wiederum in unbegrenzt viele Untersysteme (z. B.: Phonetik als Subsystem) gegliedert sein können.
Anmerkung: Die Untergliederung in Systeme (âimâ Gehirn) ist zunĂ€chst eine rein analytische Methode. Derartige Systeme mĂŒssen im Gehirn so nicht in einem eng eingegrenzten Bereich verortbar sein. Hinweise fĂŒr das Bestehen von mehr oder weniger abgegrenzten Systemen liefern neurophysiologische Untersuchungen (siehe Publikationen von Paradis; Fabbro, Green).
Konsekutiver Bilingualismus
Von konsekutiver Zweisprachigkeit spricht man, wenn ein Kind seine Sprachen nacheinander erwirbt. Man kann es so sehen, dass das Kind zunĂ€chst eine einzige Sprache âverinnerlichtâ (siehe Spracherwerbstheorien), bevor es mit der anderen anfĂ€ngt. Es bestehen fĂŒr Kinder, die ihre zweite Sprache vor dem Eintritt der PubertĂ€t in einer ânatĂŒrlichen Umgebungâ erwerben (vgl. âlernenâ), gute Chancen diese akzentfrei, âfehlerfreiâ und mit hoher Kompetenz zu sprechen.
Untersuchungen zum Alter sind nach wie vor nicht abgeschlossen (vgl. weiter unten) und stark umstritten. Mit dem âAkzentâ beschĂ€ftigt sich Forschung im Zusammenhang mit dem Phonologie- oder Phonetik- und Prosodieerwerb. Bisherige Studien sind nicht stichhaltig genug fĂŒr eine konkrete und vor allem derart weitreichende Aussage. SchlieĂlich fehlen ErklĂ€rungen zu einem âakzentfreienâ Erwerb im spĂ€ten Alter, und zur FĂ€higkeit von Schauspielern, sich âAkzenteâ anzueignen (siehe hierzu auch Begriffe wie IdentitĂ€t und spracherwerbsbezogene Ăberlegungen).
Subtraktiver und additiver Bilingualismus
Wenn jemand seine erste Sprache (d. h. die Muttersprache) zugunsten einer neuen Sprache vernachlĂ€ssigt, wird dieses âsubtraktiver Bilingualismusâ benannt.
Die subtraktive Zweisprachigkeit kann z. B. dort auftreten, wo jemand in einem kulturellen Umfeld lebt, in dem ihre erste Sprache eine Minderheitensprache ist und gleichzeitig einen geringeren Status hat als die von der Gemeinschaft gesprochene Sprache. Dies ist beispielsweise fĂŒr frankophone Menschen in Kanada (auĂerhalb QuĂ©becs) oder fĂŒr Angehörige sprachlicher Minderheiten in den europĂ€ischen Nationalstaaten der Fall (Frankreich, Italien, Deutschland âŠ).
Die Anziehung, die eine statushöhere Gruppe auf jemanden ausĂŒbt, kann dazu fĂŒhren, dass die Sprecher ihre erste Sprache (Muttersprache) zugunsten der prestigetrĂ€chtigeren zweiten Sprache vernachlĂ€ssigen, allein, um sich mit ihrer Zielgruppe zu identifizieren.
Wenn jemand eine neue Sprache im Kindesalter erlernt (ohne dabei die erste Sprache(n) zu verlieren), spricht man von âadditivem Bilingualismusâ.
Diese Begriffe werden in der Sprachforschung benutzt, gelten jedoch in der Sozialpsychologie als umstritten.
SpÀter Bilingualismus
Diese Art der Zweisprachigkeit kann sich entwickeln, wenn jemand sich im Jugend- oder Erwachsenenalter in ein anderssprachiges soziales Umfeld begibt und sich die dortige Sprache durch den Kontakt aneignet.
Eine solche Zweisprachigkeit entwickelt sich beispielsweise hĂ€ufig dann, wenn jemand in ein anderssprachiges Land auswandert. Das sprachliche Ungleichgewicht kann im Vergleich mit der FrĂŒh-Zweisprachigkeit sehr viel höher sein. Die Zweisprachigkeit kann jedoch so weit entwickelt werden, dass die Person in den meisten LebensumstĂ€nden beide Sprachen mit sehr hoher Kompetenz gebrauchen kann.
Da spĂ€ter Bilingualismus oft im Zusammenhang mit dem Beruf und anderen klar abgegrenzten Situationen auftreten kann, entwickeln sich hier besonders hĂ€ufig abgegrenzte Teilkompetenzen. Aus der Berufspraxis von Wissenschaftlern ist bekannt, dass diese auf fremdsprachige Literatur zurĂŒckgreifen mĂŒssen. Sie können dadurch hĂ€ufig sehr schwierige Texte in einer oder mehreren Sprachen lesen, ohne sie (flieĂend) sprechen zu können.
Erziehung in einer Nicht-Muttersprache
Obwohl das Erziehen von Kindern in einer Nicht-Muttersprache der Eltern umstritten ist (ânicht-muttersprachliche zweisprachige Erziehungâ, ânon-native bilingual parentingâ) und von einigen Autoren sogar als schĂ€dlich fĂŒr das Kind betrachtet wird,cite-ref-7[6.1] ist es in einigen einsprachigen LĂ€ndern Mittel- und Osteuropas (z. B. in Polen)cite-ref-8[6.2] oder Koreacite-ref-9[7] in Mode gekommen. Studien fanden fĂŒr gehörlose Kindern, dass die Kinder GebĂ€rdensprache auf muttersprachlichem Niveau lernen konnten (durch die Umgebung), auch wenn Eltern nicht gehörlos waren und GebĂ€rdensprache nicht als Muttersprache beherrschten. Derartige Studien werden als Hinweis genommen, dass auch Nicht-Muttersprachlicher Kinder in einer Sprache auf nahezu muttersprachlichem Niveau erziehen können.cite-ref-10[6.3]cite-ref-11[8] Eine Studie an 42 Kindern mit Autismus fand allerdings, dass Eltern in einer Fremdsprache ihren Eltern seltener und weniger synchron antworteten. Das deutet zunĂ€chst mögliche Probleme fĂŒr die Kinder an. Die Autoren schreiben jedoch auch, dass dies in erster Linie auf die Notwendigkeit weiterer Forschung hindeutet.cite-ref-12[9]
Generell wurde bisher nur wenig Forschung zur Zweisprachigkeit von Nicht-muttersprachlern durchgefĂŒhrt;cite-ref-13[10] eine LiteraturĂŒbersicht findet sich in Szramek-Karcz, 2016cite-ref-14[11]. Eine umfangreiche LiteraturĂŒbersicht findet sich weiterhin in einer Masterarbeit der UniversitĂ€t Wien.cite-ref-15[12]
Es gibt einige Fallbeispiele in der akademischen Literatur:
âą Eine Fallstudie beschreibt ein 5 Jahre altes Kind, das in der TĂŒrkei von seinem (tĂŒrkischsprachigen) Vater auf Englisch erzogen wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass auch eine recht begrenzte Exposition gegenĂŒber einer (zweiten, nicht muttersprachlich gesprochenen) Sprache zu deren Erwerb dieser Sprache fĂŒhren kann, die Eltern strikt nur die jeweils gewĂ€hlte Sprache sprechen und Sprachen nicht mischen.cite-ref-16[13]
âą Eine lebensnahe Beschreibung eines erfolgreichen Falls, der in der akademischen Literatur publiziert wurde, betrifft eine chinesische Familie.cite-ref-0-17-0[14] Der Autor folgert aus Cummins Threshold-Hypothese, dass Non-Native Bilingualism keine negativen kognitiven Folgen hat, sofern vom Kind wenigstens eine der Sprachen auf muttersprachlichem Niveau erlernt wird.cite-ref-0-17-1[14]
Formen des gesellschaftlichen Bilingualismus
Wenn man Formen des gesellschaftlichen Bilingualismus unterscheiden will, mĂŒssen dabei politische, religiöse und geschichtliche Aspekte beachtet werden. Hierzu zĂ€hlen Begriffe wie Sprache vs. Dialekt, mehrsprachige Kultur bzw. mehrsprachige Gesellschaft, Administration, Institutionalisierung, Normung/Standardisierung, Sprachkontaktbegriffe wie Kreol und Pidgin, sprachpolitische Aspekte, in deren Zusammenhang Begriffe wie Diglossie auftauchen u. v. m.
Zweisprachigkeit und Bildungsthemen
Zweisprachigkeit und Intelligenz
In den 1950er-Jahren und bis in die 1970er-Jahre hinein behaupteten manche Forscher, die Zweisprachigkeit fĂŒhre zu einer unterentwickelten Intelligenz.cite-ref-haugen-18-0[15] Solche Studien werden heute als mangelhaft angesehen: es wurden Immigrantenkinder aus den unteren sozialen Schichten im Vergleich mit Einsprachigen aus der Mittelschicht untersucht; die Untersuchungen wurden oft nur in der L2 durchgefĂŒhrt.
Lambert und Peal zeigten 1962 erstmals, dass zweisprachige Kinder bei sprachlichen und nichtsprachlichen Intelligenztests höher abschnitten als Einsprachige.cite-ref-lambertpeal-19-0[16] Die Forscher konnten aber nicht sagen, ob die gut entwickelte Zweisprachigkeit der Grund fĂŒr die höhere Intelligenz war oder umgekehrt. Feldman und Shen (1971) sowie Lemmon und Goggin (1989) fanden bei Studien heraus, dass zweisprachige Kinder mit sprachlichen PrĂŒfungen besser umgehen können, weil sie Satzbau und Grammatik besser verstehen.
Die heutige Forschung zeigt, dass âeher leichte kognitive Gewinne, namentlich im Bereich des bewussten Umgangs mit Sprache, zu verzeichnen sindâ.
Ein Artikel von E. Bialystok an der UniversitĂ€t von Yorkcite-ref-bialystok-20-0[17] zeigte auĂerdem, dass die kognitiven FĂ€higkeiten zweisprachiger Menschen im hohen Alter nicht so schnell nachlassen wie bei Einsprachigen.
RĂŒckstĂ€nde im Spracherwerb und schulische Leistungen
Eine Studie an der UniversitĂ€t Lausanne (IntĂ©gration scolaire des enfants migrants, 2000) hat gezeigt, dass Kinder, die in die Schweiz immigrieren, weniger Erfolg im Unterricht haben als muttersprachliche Kinder. AuĂer sozialen Fragen wurden auch mangelnde Sprachkenntnisse als Grund genannt. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass vier EinflĂŒsse eine Rolle spielen: 1) Wird die andere Sprache als unbedeutend angesehen, 2) kommt das Kind aus einer niedrigeren sozialen Schicht, 3) ist es ĂŒber 10â12 Jahre alt und wird 4) die Muttersprache des Kindes von den Lehrern vernachlĂ€ssigt, so kann dies zu verzögertem Lernen fĂŒhren. Die Studie rĂ€t deshalb dazu, die erste Sprache und die Einbeziehung der Kultur der Immigrantenkinder zu fördern; Lehrer sollen sich vergegenwĂ€rtigen, wie schwierig es fĂŒr Kinder ist, eine neue Sprache zu lernen, und deshalb sensibler reagieren.
Die Erziehungswissenschaftler Hans-Joachim Roth an der UniversitĂ€t Hamburg und Hans H. Reich an der UniversitĂ€t Koblenz-Landau haben 2002 gemeinsam mit anderen einen âĂberblick ĂŒber den Stand der nationalen und internationalen Forschungâ mit dem Titel Spracherwerb zweisprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher veröffentlicht. Unter anderem beschreiben sie den Fall von Kindern von Migranten in Deutschland, die vor dem Schulanfang die Minderheitssprache sehr hoch entwickelt, Deutsch aber in geringerem Umfang gelernt haben. âSehr vorsichtigâ vermuten die Wissenschaftler, dass sich das Erlernen der L1 verlangsamt, wĂ€hrend die L2 beim Erlernen die andere Sprache ĂŒberholt; solche Kinder erreichen im Durchschnitt aber nicht das Niveau einsprachig aufwachsender Kinder.
Die Zweisprachigkeit wird deshalb oft als einer der HauptgrĂŒnde fĂŒr die oft verhĂ€ltnismĂ€Ăig schlechten schulischen Leistungen von Immigrantenkindern gesehen. Hier muss man natĂŒrlich unterscheiden zwischen Kindern von Einwanderern, die in dem neuen Land geboren sind und die Umgebungssprache oft von Geburt an miterlernt haben, und Kindern, die die Umgebungssprache erst beim Umzug in das neue Land lernen, manchmal erst als Heranwachsende. Diesen Problemen kann jedoch mit einer gezielten schulischen Förderung begegnet werden, so dass die Zweisprachigkeit im Endeffekt zu einer gröĂeren Sprachkompetenz der Kinder fĂŒhrt.
In LĂ€ndern wie den USA werden die Probleme von Immigranten- oder zweisprachig aufgewachsenen Kindern unter dem Begriff Limited English Proficiency zusammengefasst. PĂ€dagogische SondermaĂnahmen richten sich hier nicht auf die Förderung beider Sprachen aus und somit die Sprachkompetenz des Kindes. Die BemĂŒhungen beziehen sich ausschlieĂlich auf die Beherrschung der Landessprache.
Zweisprachigkeit und Migration
An dieser Stelle soll auf einige wichtige Punkte des Forschungsstandes hingewiesen werden.
Problemdarstellung
Bei den Ăberlegungen zu den Sprachkenntnissen und den schulischen Leistungen von Migranten und Migrantenkindern wird ĂŒber einen mehr oder weniger starken Zusammenhang zwischen dem Erlernen einer Zweitsprache und den schlechteren Ergebnissen in der Schule gemutmaĂt. Diesen Zusammenhang herzustellen ist problematisch, da er sich kaum von den anderen EinflĂŒssen abschichten lĂ€sst. Es gibt zahlreiche Beispiele von erfolgreichem Zweitspracherwerb â auch bei Ă€lteren Kindern (mit Migrationshintergrund) â sowie Beispiele fĂŒr sehr gute oder gar ĂŒberragende Schulleistungen bei ihnen.
Ferner gilt es als bewiesen, dass Intelligenz und Sprache nicht (unmittelbar) zusammenhĂ€ngen (siehe diese Seite). Ein Artikel in wissenschaft.de (15. Februar 2005) berichtet von einer aktuellen Studie an hirngeschĂ€digten Patienten, deren Ergebnisse darauf hinweisen, dass âzum Erfassen mathematischer Prinzipien [âŠ] Sprache nicht notwendig [ist]â. Andererseits fehlt es an unumstrittenen Möglichkeiten zur ĂberprĂŒfung von Bildungsergebnissen. Hierzu sind erst kĂŒrzlich Forschungsvorhaben angelaufen.
Die GrĂŒnde fĂŒr Schwierigkeiten beim Spracherwerb und andererseits fĂŒr schlechte Ergebnisse in der Schule bei Migranten und Migrantenkindern sind vielschichtig.
Einige Sprachforscher betonen, dass die Beherrschung der eigenen Muttersprache entscheidend dafĂŒr ist, eine neue Sprache schneller und besser erlernen zu können. Sie halten daher auch den muttersprachlichen Unterricht an Schulen fĂŒr unabdingbar.cite-ref-21[18]
Migrationshintergrund (Herkunft und Geschichte)
Die Geschichten Einzelner (auch Gruppen/Familien), die ausgewandert sind, können sehr unterschiedlich sein. Es gibt sehr traumatische ErfahrungshintergrĂŒnde mit Kriegsflucht, TodesfĂ€llen naher Angehöriger und groĂen Krisenerfahrungen im Ursprungsland. All diese UmstĂ€nde haben einen erheblichen Einfluss auf die sprachliche und allgemeine Entwicklung eines Menschen. Meist weniger dramatisch sind MigrationshintergrĂŒnde so genannter Aussiedler und/oder WirtschaftsflĂŒchtlinge. Ein Migrationshintergrund liegt auch bei Adoptionen vor. In einigen FĂ€llen soll der Aufenthalt nur vorĂŒbergehend sein. Eine RĂŒckkehr kann in absehbarer Zeit nicht gewĂŒnscht oder nicht möglich sein. Es sind viel mehr unterschiedliche HintergrĂŒnde denkbar, und deren Einfluss auf den Einzelnen kann sehr groĂ sein. Im Zusammenhang mit weniger dramatischen HintergrĂŒnden können sich negative Erfahrungen unbemerkt auf das weitere Leben auswirken.
Status im Zielland
Auch persönliche Krisen vor Ort mit Verlust an Status, Verwirrung in Bezug auf die eigene IdentitĂ€t und Zugehörigkeit haben einen Einfluss auf die LeistungsfĂ€higkeit. Es ist bekannt, dass IdentitĂ€tsprobleme und Stress zu Leistungsverschlechterungen fĂŒhren.
Integrationsprobleme und Zweisprachigkeit
Da Integration ein weiter und umstrittener Begriff ist, sollen hier lediglich Gesichtspunkte angesprochen werden, die fĂŒr die erfolgreiche Eingliederung Zweisprachiger an (vorwiegend einsprachig angelegten) Schulen betreffen. Ăberlegungen hierzu könnten auch auf die Eingliederung in das Berufsleben ĂŒbertragen werden.
Missinterpretation allgemeiner Leistungspotentiale
Aus der HochbegabtenÂforschung ist die âKontroverseâ bekannt, dass Unterforderung zu schlechteren Leistungen fĂŒhrt. Daran zeigt sich ganz auffĂ€llig ein MissverhĂ€ltnis zwischen Begabung/Potenzial/Möglichkeit und Kompetenz/Leistung/Ergebnis. Da sich zudem allgemeine Leistungsgrenzen nur bedingt anhand von beobachtbaren Leistungen und noch weniger an Teilkompetenzen ablesen lassen, soll hier auf die besondere Problematik der allgemeinen Leistungsmessung im Zusammenhang mit der Zweisprachigkeit (z. B.: Beherrschung der Landessprache als Teilkompetenz) hingewiesen werden.
Aufbauklassen
Kinder, die im Schulalter nach Deutschland einreisten, wurden bisher oft nur an bestimmten Schulen und hĂ€ufig in gesonderten Aufbauklassen aufgenommen. Diese Aufbauklassen findet man in Deutschland hĂ€ufig an Schulen in bestimmten Stadtteilen (hoher Anteil an Migranten). Es handelt sich dabei oft um Grundschulen, Haupt- und Realschulen. Aufbauklassen und andere besondere Vorkehrungen fĂŒr Migranten fand man nur selten an Gymnasien. Ăltere Kinder wurden bevorzugt nicht an Gymnasien aufgenommen â unabhĂ€ngig von mitgebrachten FĂ€higkeiten. Seit dem Bekanntwerden der Bildungskrisen der letzten Jahre und dem steigenden Interesse an mehrsprachigem Unterricht â was nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund betrifft â ergeben sich hier jedoch VerĂ€nderungen. Ein unbewusster Umgang mit den Leistungspotentialen zweisprachiger Kinder kann dazu fĂŒhren, dass sie mögliche und gewĂŒnschte Leistungsziele nicht erreichen.
Migrationshintergrund
Bei Kindern, die im Land geboren wurden, sind vermutlich vorwiegend andere Ursachen ausschlaggebend. Hier erfolgt kein Einschnitt (zumindest geographisch betrachtet) in die LebensumstĂ€nde wĂ€hrend der Entwicklung des Kindes, aber auch hier mĂŒssen wichtige EinflĂŒsse berĂŒcksichtigt werden. In Deutschland wird die Landessprache oft ab dem Besuch des Kindergartens bzw. der Grundschule erworben. Familien mit Migrationshintergrund entscheiden sich auf unterschiedliche Art und Weise, wie und wann Sprachen erworben und benutzt werden. Mehrere der folgenden Vorgehensweisen können mehr oder weniger verfolgt werden.
âą innerhalb der Familie wird eine bestimmte Sprache von allen erworben und benutzt,
⹠es wird zusÀtzliche Förderung in Anspruch genommen
⹠verschiedene Familienangehörige sprechen jeweils eine der Sprachen mit dem Kind
âą die Sprachen werden âgemischtâ verwendet (siehe verschiedene Formen des Code-Switching, Fragen und Antworten in jeweils unterschiedlichen Sprachen, Ăbersetzung).
Schlechtere Sprachkenntnisse oder auch ein Akzent und/oder besondere/neuere Formen der Landessprache (z. B.: TĂŒrkendeutsch) können zu Fehldeutungen der FĂ€higkeiten des Kindes fĂŒhren. (Ablehnende) Reaktionen der Umwelt können zu negativen EindrĂŒcken beim Kind fĂŒhren, die wiederum zur Ablehnung dieser AuĂenweltbereiche (z. B.: Schule) fĂŒhren können. Hieran zeigt sich auch, dass die Messung der Aufenthaltsdauer nicht alleine entscheiden ist. Dies wird vor allem dann offensichtlich, wenn man LebenslĂ€ufe betrachtet, bei denen auch nach 20 Jahren keine deutliche Entwicklung beim Spracherwerb zu verzeichnen ist. Ferner können die Kinder in einem weitgehend abgeschottenen Umfeld aufwachsen, das in jĂŒngster Zeit oft als Parallelgesellschaft bezeichnet wurde (Anmerkung: Der Begriff Parallelgesellschaft wird oft pejorativ benutzt). Ein solches Umfeld kann verschiedene Auswirkungen auf die IdentitĂ€tsbildung, Integration und den Spracherwerb haben. Es kann seine Mitglieder auch bei schlechteren Kenntnissen der Landessprache auffangen, es kann eine eigene Förderung der Sprache(n) anbieten (z. B.: zweisprachige Bildungsangebote), was sich sowohl positiver als auch negativer auswirken kann. Bei der Aufnahme an einer Landesschule oder beim Antritt einer BerufstĂ€tigkeit können allgemeine Kompetenzen leichter falsch gedeutet und RĂŒckstĂ€nde noch leichter ĂŒbersehen werden.
Einstellung
Bei beiden Gruppen, sowohl den Migranten als auch Migrantenkindern, dĂŒrfte die Einstellung dem Zielland und der Zielsprache gegenĂŒber, die teilweise sozio-kulturell verankert sind, sehr groĂe Bedeutung haben. Psycho- und neurolinguistische Forschung erörtert bereits seit mehreren Jahrzehnten die EinflussstĂ€rke und ZusammenhĂ€nge von Motivation (auch Aufmerksamkeit) mit HĂ€ufigkeit(z. B. HĂ€ufigkeit der Sprachbenutzung) und anderen GrĂŒnden fĂŒr die GedĂ€chtnis- und SprachgedĂ€chtnisleistungen (siehe hierzu Fabbro (div.), Paradis (div.) und Romaine, 2004). Die Ergebnisse weisen auf eine viel höhere Bedeutung dieser Punkte hin als zunĂ€chst erwartet (Schmid, 2002; Köpke, 2002). Dabei sind gewisse Einstellungen vermutlich weniger bewusst erlernt als unbewusst erfahren. Menschen haben hĂ€ufig keinen bewussten Einfluss auf ihre Einstellungen, so dass eine Schuldzuweisung daher keinen Sinn ergibt.
Einbeziehung der Muttersprache
AnsĂ€tze, die die Muttersprache einbeziehen wollen, wie sie von Butzkamp (div.) befĂŒrwortet werden, sind nicht die Lösung aller Probleme, dĂŒrften aber dennoch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung leisten. Alle Muttersprachen der SchĂŒler in das allgemeine Schulprogramm einzubeziehen, dĂŒrfte diejenigen auffangen, die trotz schlechter âZweitsprachkenntnisseâ ihre Bildungschancen wahrnehmen wollen. Auch wird es dazu fĂŒhren, ein GefĂŒhl der Anerkennung der fremden Kultur und Sprache auf breiter Ebene zu fördern. Am 23. Oktober 2006 sendete 3sat in der Sendung NANO ein Beispiel einer schwedischen Schule, die Ă€hnlichen AnsĂ€tzen folgt und dabei den SchĂŒlern sehr erfolgreich vermitteln kann, dass sie willkommen sind und Zukunftschancen haben, was die SchĂŒler wiederum zu motivieren scheint, mehr zu lernen und sich einzubringen.
Neurophysiologie Erkenntnisse
Im Zusammenhang mit der Idee, die Muttersprache als Hilfsmittel zum Fremdspracherwerb zu verwenden, wird oft neurophysiologisch argumentiert. Eine Fremdsprache soll mithilfe der Hirnareale, die die Muttersprache âbedienenâ, erlernt werden. Allerdings konnte die Hirnforschung keine klaren Ergebnisse liefern, die die These unterstĂŒtzen oder widerlegen wĂŒrden (verschiedene Publikationen von Paradis; Fabbro; Romaine, 2004). Hirnphysiologische Untersuchungen zur ĂbersetzungsfĂ€higkeit zeigen hierzu interessante Ergebnisse. So scheint es auf der neuro-funktionalen Ebene jeweils mehr oder weniger abgeschlossene Systeme je Sprache und ein besonderes System fĂŒr das Ăbersetzen zu geben (Paradis, 1994; Paradis u. a., 1982). Diese Ergebnisse liefern vor dem Hintergrund vieler auch anerkannter Theorien eher ĂŒberraschende Einsichten.
Es wurde ein gĂŒnstiger Einfluss von Zweisprachigkeit auf den Verlauf von Demenzkrankheiten nachgewiesen: Untersuchungen der York University in Toronto zufolge verzögert sich bei bilingual aufgewachsenen Menschen der Ausbruch der Alzheimer-Krankheit um ungefĂ€hr vier bis fĂŒnf Jahre.cite-ref-22[19]
Zweisprachiger Unterricht
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Hauptartikel
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Zweisprachiger Unterricht
Hinter dem Begriff Bilingualer Unterricht verbergen sich verschiedene AnsĂ€tze, zwei (oder mehrere) Sprachen in die schulische (möglicherweise auch universitĂ€re) Bildung einzuflechten. Dies geschieht meist in der Form, dass nicht nur verstĂ€rkter sprachpraktischer Unterricht erteilt wird, sondern dass verschiedene Sprachen auch fĂŒr den Fachunterricht (wie z. B.: Erdkunde) verwendet werden. In den meisten FĂ€llen werden einzelne FĂ€cher vollstĂ€ndig oder teilweise in einer weiteren Sprache unterrichtet. Beispiele fĂŒr bilinguale Schulen sind z. B.:
âą Schulen in mehrsprachigen LĂ€ndern (Amtssprachen)
âą Auslandsschulen (in den jeweiligen beiden Landessprachen)
âą Internationale Schulen (oft englisch)
⹠Gehörlosenschulen (in GebÀrdensprache und in der Landessprache)
In mehrsprachigen Gesellschaften werden oft grundsĂ€tzlich mehrere Sprachen verstĂ€rkt unterrichtet und im Sachfachunterricht verwendet. Zunehmend ist auch der Schulabschluss in beiden Sprachen, und â sofern die nicht schon angeglichen sind â auch in rechtlicher Hinsicht fĂŒr zwei LĂ€nder möglich (siehe z. B. AbiBac).
Eine Untersuchung ĂŒber zweisprachig deutsch-französischen Unterricht im schweizerischen Kanton Wallis (von der UniversitĂ€t NeuchĂątel) hat gezeigt, dass Kinder, die von klein auf Unterricht in zwei Sprachen erhalten, nicht nur die L2 schneller erlernen; sie entwickeln auch ihre âallgemeinen sprachlichen Kompetenzenâ. Eine Verschlechterung der L1 wurde nicht festgestellt (Groupe de recherche sur lâenseignement bilingue, 1994). Cummins [1981; 1984] hat dieses PhĂ€nomen mit der Developmental Interdependence Hypothesis erklĂ€rt, die besagt, dass mit dem Erlernen der ersten Sprache die kognitiven Ressourcen zum Erlernen der Zweitsprache entwickelt werden.
Politik und Zweisprachigkeit
Der politische Umgang mit Zweisprachigkeit fÀllt unter den Begriff der Sprachpolitik. Es gibt zahlreiche Beispiel, bei denen Staaten versucht haben und noch versuchen, die Herausbildung eines Nationalstaates durch Förderung einer Nationalsprache zu fördern. In Europa sind bedeutend:
âą Nach der französischen Revolution versuchte Frankreich französisch im ganzen Land durchzusetzen, obwohl im SĂŒden gröĂtenteils Okzitanisch, und in der Bretagne bretonisch gesprochen wurden.
âą Im Russischen Reich wurde versucht eine Russifizierung durchzusetzen, d. h. gegenĂŒber Sprachgewohnheiten ethnischer Minderheiten der russischen Sprache zur Vorherrschaft zu verhelfen.
⹠Gleiches wurde in der Zweiten Polnischen Republik versucht. Dort strebte man einen ethnisch homogenen Staat an, obgleich ein Drittel der Bevölkerung nicht polnischsprachig war.
âą Ebenso wurde im deutschen Kaiserreich versucht, in den deutschen Ostgebieten die polnische Sprache zu unterdrĂŒcken.
âą In SĂŒdtirol gibt es heute zwei- und dreisprachige Ortsschilder. Ausgehend vom Faschismus wurde nach dem Ersten Weltkrieg lange versucht, die deutsche Sprache versiegen zu lassen, jedoch ist nunmehr an die Stelle des Sprachenkonflikt ein institutionell unterschiedlich stark ausgeprĂ€gter Bi- bzw. Multilingualismus getreten.cite-ref-23[20]
Verschiedene Staaten gehen unterschiedlich mit der Zwei- oder Mehrsprachigkeit ihrer Einwohner um. So wird beispielsweise durch Behörden in den USA der englischen Sprache ein klarer Vorrang eingerÀumt, obgleich der Anteil der spanischsprachigen Bevölkerung zunimmt (vgl. auch den Fall Marta Laureano).
Die restriktive Politik hat in den Vereinigten Staaten âTraditionâ. WĂ€hrend des Ersten Weltkrieges und auch danach wurden deutschsprachige BĂŒrger verfolgt, das Sprechen der deutschen Sprache wurde verboten und viele deutschsprachige Amerikaner Ă€nderten sogar ihre Nachnamen ab und schrieben sie in Englisch, um nicht mehr so sehr Verfolgung und UnterdrĂŒckung ausgesetzt zu sein. So gab es vor dem Ersten Weltkrieg z. B. allein in Chicago noch ĂŒber 27 deutschsprachige Zeitungen.
Literatur
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âą Bernhard Altermatt: Language Policy in the Swiss Confederation: The Concepts of Differentiated Language Territoriality and Asymmetrical Multilingualism. In: Federalism, decentralisation, and good governance in multicultural societies. Studentsâ best papers = FĂ©dĂ©ralisme, dĂ©centralisation et bonne gouvernance dans les sociĂ©tĂ©s pluriculturelles. Meilleurs travaux dâĂ©tudiants (= Publications de lâInstitut du FĂ©dĂ©ralisme Fribourg, Suisse. Travaux de Recherche. 34, ZDB-ID 2408468-2). Institut du fĂ©dĂ©ralisme, Fribourg 2004, S. 8â36.
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Weblinks
Commons
: Bilingualism
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Bilingualismus
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Einzelnachweise
cite-note-11. â Austria-Forum: Minderheitenschulwesen (abgerufen am 16. April 2025)
cite-note-22. â Dictionary: Anwendungsbeispiele (abgerufen am 16. April 2025)
cite-note-33. â siehe z. B. Grosjean.
cite-note-44. â s. z. B. Pardis et al.
cite-note-ger-55. â Gemeinsamer europĂ€ischer Referenzrahmen. 1997, abgerufen am 23. Mai 2008.
1. Piotr Romanowski: Strategies of Communication in an NNB Family: On the Way to Bilingual Maintenance in a Monolingual Context. In: Current Research in Bilingualism and Bilingual Education. Band 26. Springer International Publishing, Cham 2018, ISBN 978-3-319-92395-6, S. 3â21, doi:10.1007/978-3-319-92396-3_1 (springer.com [abgerufen am 31. Mai 2020]).
cite-note-118. â B. Zurer Pearson: Raising a bilingual child. Living Language, New York 2008.
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